Endlich - Projektbeschreibung von Susanne Frey
30.09.2008Die Angst vor dem Tod ist so alt wie die Menschheit selbst, denn das Bewusstsein der eigenen
Sterblichkeit unterscheidet den Menschen vom Tier. So bestimmt der Tod als existentielles
Phänomen das Handeln und Denken des Menschen in der Gegenwart; denn jeder
Moment ist potenziell der Moment des Todes. Das Christentum droht einerseits mit der
Verdammnis und stellt andererseits bei Wohlverhalten auf Erden die Erlösung in Aussicht.
Aus diesem Geiste heraus ist in den Pest- und Krisenzeiten des 14./15. Jahrhunderts die
Vorstellung des „Totentanzes“ entstanden, die in zahlreichen bildlichen, musikalischen und
literarischen Darstellungen immer wieder abgewandelt wurde.
Unsere heutige säkularisierte Gesellschaft tabuisiert den Tod und verbannt ihn weitestmöglich aus ihrem Alltag – aus Angst und aus dem Unvermögen heraus, zufriedenstellende Erklärungen für ein wie auch immer geartetes Jenseits zu finden. Trotzdem oder sogar umso mehr stellen sich immer wieder die gleichen Fragen: Wie gehe ich mit dem Wissen um, dass ich sterblich bin? Was bleibt von Schönheit und Jugend, von Vergnügen und Genuss am Ende? Und was kommt danach?
Diesen Fragen nähert sich das szenische Chorkonzert aus verschiedenen Blickwinkeln. Ausgangspunkt ist der oft mit Angst erwartete Moment, in dem der Mensch – in der Konfrontation mit dem eigenen Tod – auf sein Leben zurückblickt und einer ungewissen Zukunft entgegensieht. In der sakralen Architektur der Christuskirche wird das Publikum mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. In den Sprechversen, die Hugo Distlers Totentanz-Vertonung zugeordnet sind, wählt der Tod mit Hilfe eines Scheinwerfers einzelne im Publikum verteilte Choristen aus und zwingt sie in den Reigen der Sterbenden. Der Tod
selbst ist dabei nie als leibliche Person präsent, sondern begegnet den Zuhörern in verschiedenen Gestalten – als Stimme, als Schattenriss, als Lichtkegel oder auch nur als Windstoß, der durch das den Boden bedeckende Herbstlaub fegt.
In den Chorstücken werden verschiedene Aspekte des Themas mit musikalischen Mitteln und durch Agieren des Chores im Raum zum Ausdruck gebracht. Zum Teil singt der Chor mystisch-entrückt von der Empore aus, zum Teil bewegt er sich zwischen den Zuschauern.
Er bringt in einem verzweifelten Gebet die Angst von unmittelbar vom Tode bedrohten Menschen zum Ausdruck. Er beschwört sehr plastisch den mit seinem Schattengefolge über Land reitenden Tod herauf. Er warnt die Lebenden so eindringlich, der Toten zu gedenken, als seien die Choristen selbst die toten Seelen, die vor dem Vergessen bewahrt werden sollen. Musikalische Bestandteile des Abends sind Hugo Distlers „Totentanz“, Jan Gunnarssons „Lamento“, Leonhard Lechners „Deutsche Sprüche von Leben und Tod“, Edward Elgars „Death on the hills“ und Peter Cornelius’ „Requiem“. Die musikalischen Teile stellen immer eine Reaktion auf die Worte des Todes dar, der mit Texten verschiedenen Ursprungs aus diversen Epochen und Zusammenhängen die Choristen zu steuern scheint.
Der neugegründete bayerische Landesjugendchor unter seinem Dirigenten Gerd Guglhör, die Schauspielerin Monika Manz und die Regisseurin Susanne Frey, eine erfahrene Grenzgängerin zwischen Oper, inszeniertem Konzert und neue Themen generierenden Musiktheaterprojekten, kreieren einen Abend mit düsteren und tröstlichen Momenten, der viele Fragen aufwirft und mit Ernst Bloch der Musik als „Heilmittel aus dem Umkreis der Utopie gegen den Tod“ nachspürt.