"Ich kann auf alle Fälle antworten, wir sind auf einem sehr guten Weg."
18.10.2010Prof. Gerd Guglhör im Interview: Der Leiter und Mitbegründer des Bayerischen Landesjugendchors spricht drei Jahre nach der Gründung über die bisher erreichten und die neuen Projekte und Ziele des jungen Chores.
Vor drei Jahren wurde der Schwerpunkt der Bayerischen Singakademie Richtung Chor verstärkt. Sie heißt nun Bayerische Chorakademie und der Bayerische Landesjugendchor wurde gegründet. Ein richtiger Schritt?
Wir haben nun ein ideales und sehr effizientes Angebot für die sängerisch begabten Jugendlichen geschaffen. Auf der einen Seite existiert ja die Singakademie weiter, dabei werden über 20 Teilnehmer im solistischen Gesang intensiv betreut. Andererseits haben wir nun als Hauptziel die chorische Arbeit in den Vordergrund gestellt und trotzdem wird jeder Einzelne gesanglich individuell gefördert.
Wie viele Sängerinnen und Sänger betreuen Sie momentan in der Chorakademie? Wie kommen die jungen Leute zu Ihnen?
Die Chorakademie hat etwa 70 Mitglieder. Um aufgenommen zu werden, muss eine Aufnahmeprüfung absolviert werden. Geprüft wird dabei die Gesundheit der Stimme, die stimmliche Begabung, soweit sie prognostizierbar ist, Blattsingen und einige Grundkenntnisse in Theorie.
Es gibt ein Informationsblatt, das Schulen, Chören und den Verbänden zugesendet wird. Dann durch Mundpropaganda von Mitgliedern des Landesjugendchores, die Jugendliche aus ihrem Freundeskreis auf den Landesjugendchor aufmerksam machen. Außerdem ist der Landesjugendchor inzwischen durch viele Auftritte in der Öffentlichkeit ziemlich präsent und so ist der Nachschub an begabten jungen Leuten ganz gut gewährleistet.
Wünschenswert wäre, dass uns nicht nur aus den Ballungsräumen begabte Jugendliche durch ihre Lehrer oder Chorleiter geschickt werden. Die Erfahrungen die begabte Jugendliche künstlerisch, sängerisch und natürlich auch im zwischenmenschlichen Bereich in der Chorakademie machen können, sollten ihnen nicht verwehrt werden.
Wie lange bleiben die jungen Musiker bei Ihnen und was machen Sie danach?
Das hängt von ihrem Alter zum Aufnahmezeitpunkt ab. Manche Mädchen haben bereits mit 15 Jahren eine sehr weit entwickelte Stimme, andere kommen mit 18 oder 19 Jahren. Männerstimmen können erst ab 16, 17 oder 18 Jahren aufgenommen werden. Da die Mutation sehr individuell verläuft und auf alle Fälle abgeschlossen sein muss, haben wir unterschiedliche Verweildauern der Mitglieder. Einige bleiben bis zu sechs Jahren und sind dann schon richtige Chorprofis, kennen sehr viel Literatur und können gut vom Blatt singen, andere kommen im Alter von 18 bis 20 Jahren und bleiben nur zwei Jahre, weil sie dann bereits eine Aufnahmeprüfung in Gesang bestehen.
Von den 70 Mitgliedern der Akademie haben viele den Wunsch Sänger zu werden. Das ganze Ambiente der Chorakademie ist von der Begeisterung für das Singen getragen.
Das Singen steht während der drei Arbeitsphasen im Jahr so im Mittelpunkt, dass es als eine sehr wichtige Ausdrucksform des eigenen Lebensgefühls empfunden wird. So ist es nur natürlich, dass viele aufgrund dieser intensiven und erfüllenden Erfahrungen ein Gesangsstudium in Erwägung ziehen. Jedes Jahr schaffen bis zu 10 Mitglieder die Aufnahme an eine Hochschule und beginnen eine Gesangsausbildung. Dies ist für uns natürlich eine sehr schöne Bestätigung für die Qualität unseres Gesangsunterrichts. Die Entscheidung für ein Studium der Schulmusik oder der Kirchenmusik wird auch oft durch die Ausbildung und das Musikerlebnis im Landesjugendchor begünstigt.
Bei der Gründung des Chores sagten Sie, der Bayerische Landesjugendchor kann sich noch nicht mit dem Bayerischen Landesjugendorchester vergleichen. Wie denken Sie heute darüber?
Ich möchte diesbezüglich weder werten noch vergleichen, weil die Ausgangspositionen der jeweiligen Mitglieder doch nach wie vor sehr unterschiedlich sind. In das Landesjugendorchester treten junge Musiker ein, die bereits viele Jahre ihr Instrument spielen und oftmals „Jugend musiziert“ -Preisträger sind. Unsere Mitglieder erlernen das Singen erst mal von der Basis her. Der Landesjugendchor hat inzwischen jedoch auch eine hohe öffentliche Anerkennung erfahren. So wurde er letztes Jahr vom Leiter des Chores des Bayerischen Rundfunks Peter Dijkstra (Brahms Requiem und A-cappella-Werke mit neuer Musik) dirigiert und durfte in diesem Jahr unter Mariss Jansons mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und der BR-Orchesterakademie die Strawinsky Messe in München im Herkulessaal singen. Für das nächste Jahr ist zum Tag der Musik am 19. Juni ein gemeinsames Projekt mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks geplant. Ich kann auf alle Fälle antworten, wir sind auf einem sehr guten Weg.
Was sind Ihre Pläne mit dem Bayerischen Landesjugendchor für das nächste Jahr?
Wir planen ein gemeinsames Konzert mit dem Landes-Jugendjazzorchester. Dafür studieren wir das Requiem von Nils Lindberg und das Gloria von Wolfram Buchenberg ein.
Außerdem ist ein A-cappella-Programm zum Thema Licht, die Bedeutung des Lichts für den Menschen, vor allem im spirituellen und religiösen Bereich geplant.
Dazu kommt die bereits erwähnte Zusammenarbeit mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks am 19. Juni zum Tag der Musik, wo sehr beliebte Chormusik unter dem Titel „Chorwürmer“ dargeboten werden soll.
Vielen Dank!
Gerd Guglhör
Prof. Gerd Guglhör unterrichtet an der Hochschule für Musik und Theater München Ensemble-Leitung, Stimmphysiologie und chorische Stimmbildung. Auch in der künstlerischen Praxis liegt seine Tätigkeit auf diesen Schwerpunkten: 1982 gründete er den Orpheus Chor München, der für seine mustergültigen Aufführungen Alter Musik in historischer Aufführungspraxis weit über die Grenzen bekannt ist, aber auch für seine Stilsicherheit in Werken späterer Epochen bis hin zur musikalischen Avantgarde. Eine umfangreiche Konzerttätigkeit, sowie zahlreiche Rundfunk- und CD Aufnahmen prägen die Arbeit dieses Ensembles.
Mit dem Bach-Chor und -Orchester Fürstenfeldbruck arbeitet er seit 1995 und brachte bereits alle großen Oratorien im In- und Ausland zur Aufführung.
Im November 1999 wurde Gerd Guglhör zum künstlerischen Leiter der Bayerischen Singakademie berufen, einem Förderprojekt des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst für hochbegabte junge Sänger zur Vorbereitung auf ein Gesangsstudium. 2007 kreierte der Bayerische Musikrat daraus die Bayerische Chorakademie mit Landesjugendchor und Singakademie, die künstlerische Leitung obliegt weiter Gerd Guglhör.
Gerd Guglhör ist auch ein gefragter Referent für chorische Stimmbildung und Chorleitung. Im Januar 2007 gab er mit seinem Buch „Stimmtraining im Chor - eine systematische Stimmbildung“ im Helbling-Verlag ein Standardwerk auf diesem Fachgebiet heraus.