Interview mit Prof. Guglhör zum Bayerischen Landesjungendchor
23.09.2008Im Herbst 2007 hat der Bayerische Landesjugendchor unter dem Dach der neu gegründeten Bayerischen Chorakademie seine Arbeit aufgenommen. Im November präsentiert er sich nun erstmals der Öffentlichkeit. Christiane Franke sprach mit Gerd Guglhör, Leiter des Bayerischen Landesjugendchores.
Warum braucht Bayern einen Landesjugendchor?
Gerd Guglhör: Stimmlich begabte junge Leute aus ganz Bayern haben hier die Möglichkeit, auf hohem Niveau Chorsingen zu können. Dabei ist nicht zu unterschätzen, dass sie gleichaltrige Jugendliche treffen, die dieses Interesse teilen. Wir möchten ihnen außerdem eine bestmögliche gesangliche und musikalische Förderung anbieten.
Wie lange besteht schon der Bayerische Landesjugendchor?
Guglhör: Ende 2007 wurde die Bayerische Chorakademie gegründet. In ihr vereinigen sich die Bayerische Singakademie, die nun bald 20 Jahre erfolgreich existiert, und der Bayerische Landesjugendchor, der sich im Dezember 2007 zur ersten Arbeitsphase getroffen hat.
Was hat sich durch diese Erweiterung der Bayerischen Singakademie für das einzelne Mitglied geändert?
Guglhör: Chorsingen hatte bereits in der Singakademie einen hohen Stellenwert mit 4 bis 5 Stunden Chorprobe täglich. Für die Chorarbeit steht nun noch mehr Zeit zur Verfügung. Wir arbeiten teilweise mit drei Chorleitern, um eine höhere Proben-Effizienz zu erzielen und auch, um ganze Konzert-Programme mit höchstem Anspruch zu erarbeiten. Zudem wollen wir bedeutende Chordirigenten von außen ans Pult holen wie beispielsweise 2009 Peter Dijkstra, den Leiter des Bayerischen Rundfunkchores, damit die Erarbeitung der Chorwerke von unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen bestimmt ist und eine noch höhere Intensität und Professionalität in der Chorarbeit erreicht werden kann. Peter Dijkstra hat mir auch schon eine Begegnung des Landesjugendchores mit dem Bayerischen Rundfunkchor in Aussicht gestellt.
Wie stark ist der Chor augenblicklich?
Guglhör: Derzeit zählt der Chor etwa 45 Mitglieder, wir wollen ihn aber auf 65 Mitglieder erweitern, um auch größer besetzte und schwierige Werke der großen Chorliteratur ins Programm aufnehmen zu können.
Welche Förderung erhalten die Mitglieder?
Guglhör: Etwa 20 Sängerinnen und Sänger sind Mitglieder der Bayerischen Singakademie. Diese werden gesangstechnisch intensiver betreut, das heißt, jedes Mitglied bekommt Einzelstimmbildung während der Arbeitsphasen und an speziellen Stimmbildungs-Wochenenden während des ganzen Jahres. Im optimalen Fall sind sie dann für die Aufnahme in eine Gesangsklasse an einer Hochschule geeignet. Die anderen Chormitglieder bekommen Gruppenstimmbildungsunterricht. Weil die Güte des Chorklangs immer der stimmlichen Leistungsfähigkeit seiner einzelnen Mitglieder entspricht, versuchen wir im gewissen Rahmen eine individuelle stimmtechnische Betreuung für alle Sänger zu gewährleisten. So können wir auch auf die vorhandenen Begabungen entsprechend reagieren. Alle Mitglieder bekommen außerdem Unterricht in Gehörbildung und Tonsatz, denn sie sollen schließlich wissen, was sie da singen und welchen Kontext ihre Stimme in einem Werk hat. Blattsingen lernt man nur im Zusammenhang mit dem Verständnis für die Theorie.
Müssen die Sängerinnen und Sänger, die hier dabei sein wollen, stimmlich vorgebildet sein?
Guglhör: Sie müssen in erster Linie eine gute bis sehr gute stimmliche Veranlagung mitbringen. Stimmlich vorgebildete Anwärter erleben wir nicht allzu oft, es sei denn, sie haben schon einige Jahre in einem guten Knaben- oder Mädchenchor gesungen, oder seltener, bereits eine fundierte Ausbildung bei einem privaten Gesangslehrer genossen. In der Regel schicken ja Eltern, die an einer musikalischen Ausbildung ihrer Kinder interessiert sind, diese eher in einen Instrumentalunterricht. Nur wenige Eltern ziehen eine gesangliche Förderung ihrer Kinder in Erwägung. Wahrscheinlich existiert immer noch die Meinung, dass man Singen nicht unbedingt lernen muss oder nicht lernen kann.
Wie wirkt der Landesjugendchor im Vergleich zum Landesjugendorchester?
Guglhör: Noch ist der Landesjugendchor mit dem Landesjugendorchester nicht vergleichbar. Die Pulte des Landesjugendorchesters sind mit Preisträgern aus "Jugend musiziert“ besetzt, die über hohe spieltechnische Fertigkeiten verfügen. Zu uns kommen bis jetzt in erster Linie junge Leute mit etwas Chor-Erfahrung aus den Schulchören und mit einer guten stimmlichen Veranlagung. Wir bemühen uns, sie innerhalb von 2-3 Jahren auf einen hohen stimmlichen und musikalischen Stand zu bringen. Unsere diesbezügliche Bilanz: Bei den Preisträgern von „Jugend musiziert“ sind jedes Jahr Mitglieder aus der Bayerischen Singakademie dabei. Außerdem legen durchschnittlich jährlich fünf bis zehn Mitglieder erfolgreich eine Aufnahmeprüfung in Gesang, Schul- oder Kirchenmusik an einer Musikhochschule ab.
Und wie sieht die Zukunft aus?
Guglhör: Ich wünsche mir, dass noch mehr gut geschulte Anwärter für eine Aufnahme im Landesjugendchor vorsingen. Eine berechtigte Hoffnung dafür besteht insofern, als die Anzahl der Teilnehmer im Fach Gesang bei „Jugend musiziert“ insgesamt zu steigen scheint.
Aufgrund der neuen Fördermittel, die vom Bayerischen Musikrat bzw. vom Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst für eine noch intensivere Kinder- und Jugendchorarbeit zur Verfügung gestellt werden, erhoffen wir uns in wenigen Jahren auch daraus einen leistungsfähigen Nachwuchs.
Nächstes Auswahlsingen der Bayerischen Chorakademie:
22. November 2008
Anmeldeformular unter www.musikinbayern.de